Das Hexenhaus im Wald: Wer die Ruhe der Hexe stört
Ankunft im Wald
Die Klasse 11b war nicht begeistert. Regen prasselte unaufhörlich gegen die Busfenster und dichter Nebel hüllte die Bäume in graues Schweigen.
„Das soll unser Schullandheim sein?“ murrte Jonas, als der Bus endlich vor einer alten Unterkunft hielt. Das Gebäude war aus dunklem Holz, die Fenster schief, das Dach mit Moos überwuchert.
„Sieht eher aus wie ein Spukhaus“, kicherte Alina, die Schönste der Mädchen aus der Klasse. Sie hatte ein hübsches Gesicht, lachte gern, aber jetzt war selbst ihr Lachen unsicher.
„Raus mit euch“, rief Herr Wagner, ihr Klassenlehrer. „Es wird euch guttun. Kein WLAN, dafür Natur.“
Gemurre. Aber sie schleppten ihre Koffer hinein.
Drinnen roch es nach Holz, aber auch nach Feuchtigkeit. In den langen Fluren hingen alte Bilder, deren Gesichter in den Schatten verschwammen.
„Super. Horrorfilm-Setting“, flüsterte Sophie an Emma.
Geschichten am ersten Abend
Am Abend saßen sie im Gemeinschaftsraum. Draußen rauschte der Regen, der Nebel klebte an den Fenstern.
„Hier soll mal eine Hexe gewohnt haben“, sagte ein älterer Betreuer beiläufig. „Gleich hier im Wald.“
Die Schüler schauten auf.
„Eine Hexe? Im Ernst?“ fragte Luca spöttisch.
„Das ist nur eine alte Dorfgeschichte“, winkte Herr Wagner ab. „Vergesst das. Ihr bleibt nachts im Haus. Punkt.“
Doch genau diese Worte machten es nur interessanter. Als die Lehrer gingen, tuschelten sie.
„Wir müssen da hin“, sagte Jonas.
„Mit Taschenlampen, heute Nacht“, ergänzte Sophie.
„Ihr spinnt doch“, warf Alina ein. „Das ist doch total verboten.“ Doch niemand hörte auf sie.
Der Plan einer nächtlichen Erkundungstour
Kurz nach Mitternacht schlichen sechs von ihnen los: Jonas, Sophie, Emma, Luca, Alina und Tim.
Sie huschten durch den Flur, Taschenlampen in den Händen, und öffneten leise die alte Tür zum Wald.
Der Regen hatte aufgehört, doch der Nebel lag schwer zwischen den Stämmen. Jeder Schritt im Laub klang zu laut.
„Wenn uns Wagner erwischt, sind wir geliefert“, flüsterte Emma.
„Der schläft tief und fest“, grinste Luca.
Alina schüttelte den Kopf. „Ich sag’s euch: schlechte Idee.“ Doch sie ging trotzdem mit.
Das Hexenhaus tief im Wald
Nach einer halben Stunde erreichten sie eine Lichtung. In der Mitte stand ein kleines, verfallenes Häuschen. Das Dach hing schief, die Fenster waren dunkel.
„Das ist es“, hauchte Jonas.
Sie traten vorsichtig näher. Der Nebel schien hier dichter, der Wald stiller.
Im Haus roch es nach Moder. Der Boden knarrte. An den Wänden hingen alte Bündel getrockneter Kräuter. In einer Ecke lag ein zerbrochener Spiegel, auf den Möbeln standen Kerzen.
„Okay, das ist krank“, flüsterte Sophie.
Emma bückte sich und hob ein altes Medaillon auf. „Sieht aus wie… na ja, Hexenkram.“
Jonas grinste. „Vielleicht finden wir einen Kessel.“
Alina drehte sich um. „Wir sollten sofort zurück. Hier stimmt was nicht.“
Unheimliche Zeichen im Hexenhaus
Plötzlich knackte etwas draußen. Alle erstarrten.
„War das ein Tier?“ flüsterte Tim.
„Bestimmt nur ein Reh“, meinte Luca, doch seine Stimme zitterte.
Das Geräusch wiederholte sich. Schritte. Langsam, im Nebel, direkt vor dem Haus.
Sie hielten den Atem an. Die Tür bewegte sich leicht, als hätte jemand sie berührt.
Alina stieß einen Laut aus. „Ich geh hier raus, egal was ihr macht.“
„Sie hat recht“, sagte Emma hastig. „Kommt!“
Ohne zu diskutieren, rannten sie los.
Rückkehr zur Unterkunft
Sie stolperten durch den Wald, Taschenlampen zuckten, der Nebel verschluckte die Bäume. Niemand sprach ein Wort, bis sie keuchend vor der Unterkunft standen.
„Habt ihr das gesehen?“ rief Sophie, außer Atem. „Da war jemand draußen.“
„Vielleicht ein Förster… oder Wagner“, keuchte Tim.
„Das war kein Förster“, sagte Alina. Ihre Stimme war ernst, kein bisschen spöttisch. „Da war jemand. Und er hat auf uns gewartet.“
Sie gingen hinein, versuchten, sich zu beruhigen. Doch keiner schlief in dieser Nacht gut.
Denn jedes Mal, wenn sie die Augen schlossen, hörten sie wieder das Knacken im Nebel.
Nagende Albträume in der Nacht
Die folgenden Nächte waren schrecklich. Niemand sprach laut darüber, aber alle hatten es gespürt: Etwas war mit ihnen zurückgekommen.
Sophie wachte schreiend auf. „Sie stand im Zimmer! Direkt neben meinem Bett!“
Emma sah bleich aus. „Ich hab sie auch gesehen. Draußen zwischen den Bäumen. Sie stand einfach da und hat mich angestarrt.“
Jonas versuchte zu scherzen, aber seine Stimme war brüchig. „Nur Albträume, mehr nicht.“
Doch jede Nacht war gleich: Nebel drückte gegen die Fenster. Stimmen flüsterten von draußen. Und immer wieder war da die Gestalt: schwarz, gebeugt, mit wirren Haaren. Eine Hexe.
Stimmen aus dem Wald
In der dritten Nacht weckte sie ein Klopfen. Alle sechs hörten es. Dreimal, ganz leise, von irgendwo draußen.
„Vielleicht ist es der Lehrer“, flüsterte Tim.
„Das ist nicht Wagner“, hauchte Sophie.
Dann hörten sie die Stimme. Eine kratzige Frauenstimme, getragen vom Wind: „Kommt… kommt… Ihr süßen Kinderlein…“
Alina vergrub ihr Gesicht in die Hände. „Ich hab’s doch gesagt. Wir hätten da nie hingehen dürfen.“
Sie wollte zurück nach Hause, sofort. Doch der Bus kam erst am Ende der Woche.
Die Hexe zeigt sich
Am vierten Abend wagte niemand mehr zu schlafen. Sie saßen zusammengedrängt, die Taschenlampen in den Händen.
Plötzlich bewegte sich etwas draußen.
Zwischen den Stämmen stand eine Gestalt. Dürr, mit langen Armen, die bis fast zum Boden reichten. Ihr Kopf war tief gesenkt, das Haar hing in wirren Strähnen.
„Da!“, stieß Emma hervor.
Die Hexe stand still, als würde sie warten. Dann – im nächsten Blinzeln – war sie verschwunden.
Sie rannten zum Lehrerzimmer, schrien durcheinander. Wagner glaubte an Nervosität, an Einbildung. „Ihr steigert euch da rein.“
Doch er wirkte selbst nervös.
Die letzte Nacht im Schullandheim
Der Regen prasselte, der Nebel war dichter als je zuvor. Keiner wagte, das Licht auszuschalten. Sie hörten Schritte im Flur, schwere, langsame Schritte. Dann war es plötzlich still. Zu still.
Plötzlich stieß Sophie einen Schrei aus. Sie zeigte aus dem Fenster: „Da! Seht ihr das?“
Die Hexe stand wieder zwischen den Bäumen. Aber diesmal war sie nicht allein.
Über ihrer Schulter hing eine Gestalt. Schlank, reglos, bewusstlos. Die Beine in pinken Shorts. Weiße Sneaker.
„Das… das ist Alina!“ schrie Emma.
Alle stürmten ans Fenster, dann in ihr Zimmer. Das Bett war leer. Die Decke lag zerknüllt auf dem Boden.
Die Verfolgung der Hexe
„Wir müssen sie retten!“ rief Tim.
Sie weckten Herr Wagner, der entsetzt auf Alinas leeres Bett starrte. „Wir rufen sofort Hilfe.“
„Keine Zeit!“ schrie Jonas. „Sie trägt sie weg! Richtung Hütte!“
Gemeinsam rannten sie hinaus. Der Regen peitschte ihnen ins Gesicht, der Nebel brannte in den Augen. Sie folgten den schwachen Spuren im Matsch, den Fußabdrücken, die tiefer und schwerer wurden, je weiter sie in den Wald kamen.
Und schließlich tauchte es erneut vor ihnen auf: das Hexenhaus.
Diesmal sah es sogar noch gruseliger aus. Eine eigenartige Stille lag in der Luft und ein dezentes Leuchten kam aus dem Inneren. Dann war es wieder stockdunkel.
Suche im Hexenhaus zum zweiten Mal
Die Tür hing schief in den Angeln. Drinnen war es stockdunkel, modrig, kalt.
„Alina!“ rief Sophie. Keine Antwort.
Sie leuchteten mit ihren Taschenlampen durch den Raum. Da lag etwas am Boden.
Eine Kette. Silber, mit einem kleinen Herzanhänger. Alinas Kette.
Emma hob sie auf, ihre Hände zitterten.
„W-wo ist sie?“ schrie Jonas.
Nur der Wind antwortete.
Mädchen bleibt verschwunden
Sie durchsuchten das Haus, den Wald drumherum, den Boden – nichts. Keine Spuren mehr.
Als die Polizei kam, erzählten sie von der Hexe. Niemand glaubte ihnen. Man sprach von „Waldpanik“, von „verirrtem Mädchen“.
Doch sie alle wussten, was sie gesehen hatten.
Und bis heute, wenn Nebel über den Wald zieht, sagen Dorfbewohner, man sehe manchmal eine dunkle Gestalt zwischen den Bäumen – mit etwas auf der Schulter.
Von Alina fehlt seither jede Spur.
