Der offene Sarg: Die Suche nach der ewigen Ruhe
Die Renovierung beginnt
Der Friedhof war über zweihundert Jahre alt. Die Mauern bröckelten, viele Grabsteine waren schief, einige Särge waren längst im Erdreich zerfallen. Die Stadt hatte beschlossen, den Ort zu renovieren, um ihn sicherer und würdevoller zu machen.
Maurer, Gärtner und Arbeiter zogen auf das Gelände. Unter ihnen war Paul, ein erfahrener Bauarbeiter, der eigentlich nicht an Spukgeschichten glaubte. „Nur Steine und Erde“, sagte er immer.
Am dritten Tag kam es zu dem Unfall. Ein Bagger grub etwas zu tief und stieß auf einen Sarg, der unter einem eingestürzten Grab verborgen gewesen war.
„Halt!“, rief Paul. Sie schaufelten den Rest vorsichtig frei.
Vor ihnen lag ein alter Holzsarg, überraschend gut erhalten. Doch der Deckel war nur lose aufgelegt, nicht zugenagelt.
Der leere Sarg
„Wir sollten die Stadt informieren“, murmelte ein Kollege.
„Ach was“, meinte Paul. „Ist ja nichts Besonderes.“
Sie hoben den Deckel an.
Der Sarg war leer. Kein Skelett, keine Knochen, nicht einmal Stoffreste. Nur Erde, die aussah, als hätte jemand sie kürzlich umgewühlt. Frisch, dunkel, feucht.
„Das kann nicht sein“, sagte Paul. „Der Sarg ist bestimmt hundert Jahre alt. Da dürfte nichts Frisches drin sein.“
Die anderen sahen sich unruhig an. „Vielleicht haben Grabräuber…“
Doch niemand hatte das Gefühl, dass das stimmte.
Unruhige Nacht und weitere Funde
Paul konnte die Sache nicht vergessen. In der Nacht lag er wach und hörte das Knarren des Windes. Immer wieder musste er an den Sarg denken. An die Erde darin, als hätte sich jemand gewälzt, geschlafen – oder gelebt.
Er hörte ein Geräusch draußen. Ein leises Schaben, wie Schritte auf Kies. Vorsichtig blickte er aus dem Fenster.
Am Straßenrand bewegte sich etwas. Eine Gestalt, dunkel, gebeugt. Sie blieb stehen und Paul hatte das Gefühl, dass sie zu ihm aufs Fenster sah.
Dann war sie verschwunden.
Am nächsten Tag arbeiteten sie an einem anderen Abschnitt. Wieder stießen sie auf alte Gräber. Und wieder fanden sie etwas Seltsames.
Ein Sarg – leer. Ein zweiter – Erde frisch bewegt.
„Hier stimmt was nicht“, murmelte einer der Arbeiter. „Die Toten… sie sind nicht hier.“
Paul versuchte, rational zu bleiben. „Vielleicht wurden sie früher verlegt. Oder… die Särge sind zerfallen.“
Doch innerlich wusste er, dass das nicht stimmte.
Schritte im Dunkeln und die Rückkehr des offenes Sargs
Die Arbeiter begannen, nachts zu fehlen. Erst einer, dann zwei. Niemand wusste, wo sie waren. Man fand ihre Werkzeuge, zurückgelassen auf der Baustelle.
Paul hörte in diesen Nächten wieder die Schritte. Immer näher, immer schwerer. Einmal klopfte es sogar an seine Tür.
Als er sie am Morgen öffnete, lag etwas davor: ein kleiner Haufen frischer Friedhofserde.
Am letzten Tag, als Paul allein an einer Ecke arbeitete, hörte er wieder das Knarren. Er drehte sich um – und da stand er.
Der Sarg. Offen, mitten auf dem Kiesweg. Obwohl sie ihn längst abgedeckt hatten.
Die Erde darin bewegte sich. Ganz leicht, als würde sich etwas darunter regen.
Ruhe in Frieden
Paul wich zurück. „Hallo?“ Seine Stimme bebte.
Langsam erhob sich etwas. Keine Knochen, kein klarer Körper, nur eine schwarze, erdige Gestalt, die nach oben kroch, wie geformt aus Erde und Fäulnis.
Sie hob den Kopf, und dort, wo Augen hätten sein sollen, gähnten nur zwei leere Löcher.
Doch Paul spürte, dass sie genau auf ihn gerichtet waren.
Man fand am nächsten Morgen nur Pauls Helm, daneben Spuren im Kies, die aussahen wie tiefe, krallenartige Abdrücke.
Der Sarg war verschwunden.
Doch auf einem der frisch renovierten Gräber hing eine kleine Glocke. Und in der folgenden Nacht begann sie zu läuten.
