Das Uhrwerk der Träume: Rätseln mit Kobolden

Die Dachkammer

Es war ein verregneter Nachmittag, als Noelia, Fjell, Yara und Kian das alte Haus von Yaras Großonkel erkundeten.

„Da oben ist noch eine Tür“, sagte Fjell und zeigte auf eine kleine Luke unter dem Dach.

„Das ist bestimmt nur eine Abstellkammer“, meinte Kian, doch er grinste neugierig.

Sie kletterten die schmale Leiter hinauf. Die Dachkammer war voller Staub und Spinnweben, Kisten stapelten sich und in der Mitte stand ein großes, hölzernes Ungetüm: eine Standuhr.

Sie war aus dunklem Holz geschnitzt, mit seltsamen Symbolen am Rand. Auf dem Ziffernblatt waren keine Zahlen, sondern kleine Mondsicheln und Sonnen.

„Komisch… die geht ja gar nicht“, murmelte Yara.

Doch genau in dem Moment schlug sie.

Dong.

Der erste Schlag

Das Geräusch war tief, vibrierend. Staub rieselte von den Balken. Die Kinder hielten den Atem an.

„Habt ihr das gefühlt?“ fragte Noelia.

„Das war… komisch“, stammelte Fjell.

Mit jedem Schlag der Uhr flackerte das Licht. Als der letzte Ton verklungen war, veränderte sich die Kammer.

Die Kisten waren verschwunden. Die Wände wölbten sich, als hätten sie kein Ende. Und die Uhr begann zu leuchten.

„Wir träumen, oder?“ flüsterte Kian.

Doch Noelia schüttelte den Kopf. „Das ist echt.“

Die Traumwelt

Die Tür der Kammer öffnete sich – und dahinter war kein Treppenhaus mehr, sondern ein Wald.

Ein Wald voller riesiger Pilze, deren Hüte wie Lampen glühten. Bäume mit Gesichtern, die kichernd flüsterten, wenn man vorbeiging.

„Willkommen, willkommen!“, rief eine quietschige Stimme. Ein Stuhl mit Beinen tanzte ihnen entgegen. „Die Neuen sind da!“

Weitere Möbel folgten: ein Spiegel, der Grimassen schnitt, eine Lampe, die sich selbst an- und ausschaltete, ein Tisch, der in die Hände klatschte.

Die Kinder standen sprachlos da.

„Das ist verrückt“, hauchte Yara.

„Das ist ein Traum“, murmelte Fjell.

„Oder ein Albtraum“, fügte Noelia hinzu.

Die Kobolde

Kaum hatten sie den Wald betreten, sprangen kleine Wesen aus den Pilzen. Kobolde, mit langen Nasen, spitzen Ohren und bunten Hüten.

„Rätsel, Rätsel!“, riefen sie im Chor. „Nur wer das Rätsel löst, darf weiter!“

Einer trat vor, grinste frech und sprach:

„Ich bin immer da, doch nie zu fassen.
Ich renne, ohne je zu rasten.
Ich bin kostbar, doch nicht zu kaufen.
Sag mir, Kinder, wie heißt mein Laufen?“

Die Kinder sahen sich an.

„Zeit“, sagte Kian schließlich.

Die Kobolde jubelten. „Richtig! Dann dürft ihr weiter – aber vergesst nicht: Die Uhr wartet.“

Das Uhrwerk ruft

Sie wanderten tiefer in den Wald. Immer wieder hörten sie in der Ferne das Schlagen der Uhr.

Dong…

Jedes Mal zitterte der Boden, und die Welt veränderte sich. Pilze wurden zu Türmen, die Gesichter der Bäume verschwanden und wurden zu starren Masken.

„Die Uhr… sie kontrolliert das alles“, flüsterte Noelia.

„Aber warum?“, fragte Yara.

„Weil sie will, dass wir das Rätsel lösen“, sagte Kian ernst.

Das Haus der Spiegel

Schließlich erreichten sie ein Gebäude mitten im Wald: ein Haus, ganz aus Spiegeln gebaut.

„Ich mag das nicht“, murmelte Fjell.

Im Inneren sahen sie sich hundertfach gespiegelt. Doch nicht alle Spiegel zeigten die Wahrheit. Einige zeigten sie älter, andere jünger, manche verzerrt wie Monster.

Und einer zeigte Noelia – wie sie vor der Uhr stand, allein, während die anderen verschwunden waren.

„Das heißt, wenn wir nicht aufpassen, bleiben wir hier stecken“, flüsterte sie.

Ein Spiegel begann zu sprechen: „Nur einer von euch kann die Uhr stellen. Doch wehe, ihr entscheidet euch falsch.“

Das zweite Rätsel

Ein weiterer Kobold erschien, diesmal mit einer winzigen Trommel.

„Ich habe keinen Anfang, kein Ende,
ich trage Geheimnisse in mir.
Du siehst mich oft am Himmel,
doch ich bin auch hier.“

Die Kinder grübelten.

„Ein Kreis?“, schlug Fjell vor.

Der Kobold schüttelte den Kopf.

„Der Mond“, sagte Yara.

Der Kobold grinste. „Richtig. Weiter, weiter!“

Die Spiegel verschwanden, das Haus zerfiel und sie standen wieder im Wald.

Die Uhr zeigt Mitternacht

Das Schlagen der Uhr wurde lauter.

Dong… dong…

„Wir haben nicht mehr viel Zeit“, keuchte Noelia. „Wenn sie Mitternacht schlägt…“

„Dann kommen wir nie wieder raus“, beendete Kian ihren Satz.

Der Wald öffnete sich zu einer Lichtung. In der Mitte stand wieder die Uhr, noch größer, noch fremder. Zahnräder drehten sich frei, als schwebten sie in der Luft.

„Das ist das Herz“, murmelte Noelia.

Das letzte Rätsel

Die Kobolde versammelten sich im Kreis. „Das letzte Rätsel! Wenn ihr es löst, dürft ihr heim. Wenn nicht… bleibt ihr unsere Gäste.“

Sie grinsten breit und einer sprach:

„Ich bin alt und doch immer neu,
ich bin unsichtbar und doch bei euch zwei.
Ohne mich kein Traum,
ohne mich kein Morgen.
Wer bin ich?“

Die Kinder überlegten fieberhaft.

„Zeit? Haben wir schon“, murmelte Fjell.

„Der Schlaf“, flüsterte Noelia.

Stille.

Dann jubelten die Kobolde. „Richtig! Ihr habt das Uhrwerk verstanden.“

Rückkehr in die normale Welt

Die Uhr begann schneller zu schlagen. Zahnräder klickten, Licht flutete die Lichtung.

„Haltet euch fest!“, rief Kian.

Alles verschwamm. Stimmen hallten, Möbel tanzten, Kobolde lachten.

Dann – Stille.

Sie standen wieder in der Dachkammer. Die alte Uhr tickte leise, unscheinbar.

„War das… echt?“ fragte Fjell.

Yara hob ihre Hand. In der Faust hielt sie ein kleines Zahnrad, golden und warm.

„Ich glaube ja“, sagte sie. Und irgendwo, ganz leise, hörten sie noch einmal die Kobolde lachen.

Das Uhrwerk der Träume war wieder still. Doch die Kinder wussten: Wenn es eines Tages erneut schlägt, würde ein neues Abenteuer beginnen.

Portrait des Autors
Autor · SEO · Nerd

Matt Pülz

Matt ist SEO mit einer Leidenschaft für das Schreiben. Er liebt Horrorgeschichten und kreatives Schreiben im Allgemeinen.

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