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Krampus kommt und hinterlässt keine Spuren

Frau ahnt (noch) nicht, dass diese Nacht anders enden wird

Ich arbeite im Spätdienst. Immer. Auch im Dezember, wenn die Stadt nach Zimt riecht und überall Lichter hängen. Wenn Menschen lachen, einkaufen, sich auf Wärme freuen.

Ich gehe zu Fuß nach Hause. Das mache ich seit Jahren. Es sind nur fünfzehn Minuten durch das alte Viertel, vorbei an der Kirche, durch die schmale Gasse hinter dem Friedhof.

In dieser Nacht lag Schnee. Nicht viel. Gerade genug, um jedes Geräusch zu dämpfen.

Ich erinnere mich daran, weil mir die Stille auffiel. Keine Autos. Keine Stimmen. Nicht einmal Wind.

Nur meine Schritte.

Dann hörte ich etwas anderes.

Ein tiefes, langsames Klirren. Als würden schwere Ketten über Stein gezogen.

Ich blieb stehen.

Krampus, dachte ich und musste fast lachen. Ein alberner Gedanke. Ein Märchen.

Doch das Geräusch kam näher.

Frau hört Glocken, die nicht zur Kirche gehören

Ich ging schneller. Das Klirren folgte mir.

Nicht hastig. Nicht jagend.

Geduldig.

Dann kam das Läuten. Tiefe Glocken, dumpf, als wären sie in Fell und Leder eingewickelt. Kein Kirchengeläut. Etwas Schweres bewegte sich.

Ich drehte mich nicht um.

Das ist wichtig. Denn jeder hier weiß: Wenn du dich umdrehst, hat er dich gesehen.

Ich bog in die Gasse ein. Die schmalste Stelle des Weges. Links alte Mauern, rechts der Zaun des Friedhofs. Schnee lag auf den Grabsteinen wie Decken.

Die Glocken waren jetzt näher. Viel näher.

Und dann hörte ich seinen Atem.

Etwas Großes folgt ihr durch die Nacht

Er atmete nicht wie ein Mensch. Es klang feucht. Warm. Als würde er dampfen in der Kälte.

Ich spürte ihn, noch bevor ich ihn sah. Die Luft wurde schwer. Mein Herz schlug so laut, dass ich dachte, er müsse es hören.

„Das ist nicht real“, flüsterte ich. „Das ist nicht real.“

Meine Stimme klang klein. Unwichtig.

Ich machte einen Schritt. Dann noch einen.

Hinter mir klirrten die Ketten lauter.

Ein Schatten fiel über den Schnee vor mir. Lang. Gezackt. Mit Hörnern.

Ich rannte.

Schnee macht Flucht der jungen Frau unmöglich

Ich rutschte fast sofort aus. Meine Schuhe fanden keinen Halt. Der Schnee dämpfte meine Schritte, aber nicht seine.

Er war schnell. Unfassbar schnell für etwas so Großes.

Ich hörte, wie Metall über Metall schlug. Wie etwas Schweres über den Boden schleifte. Und dazwischen dieses tiefe, vibrierende Geräusch. Kein Wort. Kein Schrei.

Ein Laut, der sagte: Ich habe Zeit.

Ich erreichte die Kirchentür und riss daran. Verschlossen. Natürlich.

„Bitte“, keuchte ich. Ich wusste nicht, zu wem.

Hinter mir wurde es still. Diese Stille war schlimmer als jedes Geräusch. Es war zu still…

Frau sieht den Krampus und versteht zu spät

Ich machte den Fehler erneut. Ich drehte mich wieder um.

Er stand wenige Meter entfernt. Größer, als ich es mir je vorgestellt hatte. Sein Körper war in dunkles Fell gehüllt, verfilzt, mit Schnee und Dreck darin. Die Hörner bogen sich nach oben, dick und alt, als wären sie aus der Erde selbst gewachsen.

Sein Gesicht war… falsch. Zu lang. Zu schmal. Die Augen tief im Schädel, glühend, nicht hell, sondern wie Kohlen unter Asche.

Und sein Mund.

Er lächelte nicht.

Er öffnete ihn.

Ein Geruch von altem Blut und kaltem Eisen schlug mir entgegen.

In seiner Hand hielt er Ketten. An ihnen hingen kleine Dinge. Schuhe. Stoffreste. Etwas, das aussah wie eine Kinderhandschuh.

Ich konnte mich nicht bewegen.

Der Krampus kennt Namen der jungen Frau

Er sagte meinen Namen.

Nicht laut. Nicht mit Stimme.

Er wusste ihn einfach.

Meine Knie gaben nach. Ich fiel in den Schnee. Die Kälte brannte, aber ich spürte sie kaum.

Die Ketten klirrten, als er näherkam. Jeder Schritt ließ den Boden vibrieren.

Ich wollte schreien. Kein Laut kam heraus.

Er beugte sich zu mir herunter. Sein Atem ließ den Schnee schmelzen. Tropfen fielen auf mein Gesicht.

Ich sah seine Hände. Zu viele Gelenke. Zu lang.

Er legte mir eine Kette um den Hals.

Nicht fest. Noch nicht.

Der Sack wartet bereits auf junge Frau

Hinter ihm lag etwas Großes aus dunklem Leder. Ein Sack. Alt. Genäht aus vielen Stücken. Er bewegte sich leicht, als würde darin etwas atmen.

Oder jemand.

Ich verstand plötzlich.

Krampus holt nicht die Unartigen.

Er holt die, die niemand beschützt.

Die, die allein gehen. Die, deren Namen niemand ruft.

Er zog mich hoch. Mühelos. Meine Füße fanden keinen Boden mehr.

Ich trat, schlug, biss. Es war lächerlich.

Er öffnete den Sack.

Darin war Dunkelheit. Und Geräusche. Leises Wimmern. Kratzen.

Er warf mich hinein.

Niemand hört sie in der Dunkelheit

Der Sack schloss sich über mir. Leder und Fell. Kaum Luft. Der Geruch von Angst war überall.

Ich lag auf etwas Weichem. Warmem.

Ein Arm bewegte sich unter mir. Ein erstickter Laut.

Wir waren viele.

Der Sack hob sich. Ich hörte seine Schritte wieder. Die Glocken. Immer weiter weg von der Stadt.

Zeit verlor ihre Bedeutung. Minuten. Stunden. Tage.

Manchmal blieb er stehen. Öffnete den Sack. Holte jemanden heraus.

Dann hörten wir nichts mehr von ihnen.

Für junge Frau kommt kein Morgen mehr

Ich weiß nicht, wie lange ich hier bin.

Es ist dunkel. Immer dunkel.

Manchmal glaube ich, Kinderstimmen zu hören. Manchmal nur mein eigenes Atmen.

Ich schreibe das nicht auf Papier. Ich denke es. Immer wieder. Damit ich nicht vergesse, dass ich einmal jemand war.

Wenn du das hier liest, hör genau hin, wenn du im Dezember nachts gehst.

Wenn du Glocken hörst, die nicht zur Kirche gehören… Dreh dich nicht um. Dreh dich auf keinen Fall um!

Denn er kommt nicht, um dich zu bestrafen.

Er kommt, weil du allein bist. Und dann kommt er, um dich zu holen.

Portrait des Autors
Autor · SEO · Nerd

Matt Pülz

Matt ist SEO mit einer Leidenschaft für das Schreiben. Er liebt Horrorgeschichten und kreatives Schreiben im Allgemeinen.

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