Düsterer Strohmann: Schrecken im verlassenen Bauernhaus
Frau bemerkt, dass etwas auf dem Feld nicht stimmt
Ich zog im Spätherbst in das Dorf. Die Felder waren abgeerntet, die Erde lag offen und dunkel, und der Wind roch nach feuchtem Stroh. Es war still hier. Zu still. Genau das hatte ich gewollt.
Das Haus, das ich gemietet hatte, lag am Rand eines riesigen Ackers. Direkt vor meinem Küchenfenster stand eine Vogelscheuche.
Sie war alt. Ein Holzpfahl, ein Querbalken, darauf ein Mantel aus grobem Stoff. Der Kopf war ein Sack, grob zusammengenäht, mit aufgemalten Augen und einem krummen Mund. Nichts Besonderes.
Am ersten Abend stand sie weit draußen auf dem Feld.
Ich erinnere mich daran, weil ich mir dachte, dass sie bei Sturm sicher umfallen würde.
Schaurige Vogelscheuche rückt jede Nacht näher
In der zweiten Nacht wachte ich auf, weil ich glaubte, etwas vor dem Haus zu hören. Schritte vielleicht. Oder nur den Wind.
Am Morgen sah ich aus dem Fenster.
Die Vogelscheuche stand näher. Nicht viel. Vielleicht zwei Meter weiter vorn.
Ich redete mir ein, dass der Bauer sie versetzt hatte. Oder dass ich mich einfach täuschte.
Doch in der nächsten Nacht hörte ich wieder etwas. Ein leises Schleifen. Holz über Erde.
Am Morgen stand sie wieder näher.
Jetzt konnte ich die Nähte im Sack erkennen. Die Flicken auf dem Mantel. Die Arme hingen schlaff herab, aber sie wirkten… entspannter. Als hätten sie sich bewegt.
Ich begann, die Vorhänge nachts zu schließen.
Niemand im Dorf will darüber sprechen
Ich fragte den Nachbarn, einen alten Mann mit wettergegerbtem Gesicht.
„Die Vogelscheuche auf dem Feld“, sagte ich. „Die bewegt sich.“
Er sah mich lange an. Zu lange.
„Solange sie auf dem Feld bleibt, ist alles gut“, sagte er schließlich. „Schauen Sie sie nachts nicht an.“
„Warum?“
Er wandte sich ab. „Manchmal bleibt sie nicht auf dem Feld.“
Im Dorfladen verstummten Gespräche, wenn ich den Raum betrat. Niemand lachte. Niemand fragte, wie es mir ging.
In der Nacht träumte ich von Stroh, das sich in meine Kehle schob.
Frau erkennt, dass sie beobachtet wird
Ich begann, mich beobachtet zu fühlen. Nicht aus dem Wald. Nicht aus dem Haus.
Vom Feld.
Tagsüber stand die Vogelscheuche reglos da. Doch ihr Schatten war falsch. Er zeigte Arme, die länger waren, als sie sein sollten.
Einmal glaubte ich, dass der Sackkopf leicht geneigt war. Als würde sie zuhören.
In der vierten Nacht wachte ich auf und wusste sofort: Sie war nicht mehr draußen.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals.
Ich zwang mich aufzustehen und einen Blick durch den Spalt im Vorhang zu werfen.
Die Vogelscheuche stand direkt am Zaun.
Das Grauen steht plötzlich vor dem Haus
Ich konnte sie jetzt riechen. Moder. Alte Erde. Etwas Süßliches darunter.
Der Sackkopf war mir zugewandt. Die gemalten Augen waren rissig, aber dahinter war etwas Dunkles. Tiefer. Nass.
Ich machte einen Schritt zurück.
Da hörte ich es.
Ein Rascheln. Direkt vor der Haustür.
Nicht Schritte. Eher ein Ziehen. Als würde etwas Schweres über den Boden geschleift.
Ich verbarrikadierte die Tür, schloss die Fenster, setzte mich in die Ecke des Schlafzimmers und wartete auf den Morgen.
Doch der Morgen kam nicht.
Vogelscheuche betritt das Haus
Das Kratzen begann kurz nach Mitternacht.
Nägel aus Holz. Oder Knochen. Ich weiß es nicht. Sie kratzten über die Tür, langsam, geduldig.
Dann ein dumpfes Pochen.
Nicht stark. Nicht wütend.
Als würde jemand prüfen, wie stabil ich war.
„Geh weg“, flüsterte ich. „Bitte.“
Das Kratzen wanderte. Von der Tür zum Fenster. Dann zur Wand.
Etwas suchte einen Eingang.
Ich hörte ein Reißen. Holz splitterte. Der Geruch von feuchtem Stroh füllte das Haus.
Als ich die Schlafzimmertür öffnete, stand sie im Flur.
Frau sieht, was unter dem Sack ist
Sie war größer, als sie draußen gewirkt hatte. Die Arme reichten fast bis zum Boden. Der Mantel hing offen.
Darunter war kein Holz.
Darunter waren Knochen. Menschliche Knochen. Mit Draht zusammengebunden. Rippen, Wirbelsäule, ein Becken.
Der Sackkopf bewegte sich.
Langsam.
Er neigte sich zu mir.
Ich sah Zähne durch den Stoff drücken. Gelb. Abgenutzt.
Der Mund öffnete sich.
Und er atmete.
Frau versucht verzweifelt zu fliehen
Ich rannte. Barfuß. Durch die Hintertür hinaus auf das Feld.
Der Boden war kalt, schlammig. Meine Füße sanken ein. Ich hörte sie hinter mir.
Nicht schnell.
Sicher.
Das Rascheln von Stroh kam näher. Ich stolperte, fiel, drehte mich um.
Sie stand über mir.
Der Sack war jetzt offen. Darunter war ein Gesicht, das aus vielen Gesichtern bestand. Augen, die nicht zusammenpassten. Haut, die zu grob zusammengenäht war.
Ein Arm aus Stroh und Knochen legte sich um mich.
Er roch nach all den Dingen, die niemand vermisst.
Am Ende bleibt nur eine neue Vogelscheuche zurück
Am nächsten Morgen sah der Bauer hinaus auf sein Feld.
Die alte Vogelscheuche stand wieder an ihrem Platz. Frisch. Aufrechter als zuvor.
Der Mantel war neu geflickt. Der Sack sauber vernäht.
Und unter dem Stroh war jetzt mehr.
Ein Dorfbewohner murmelte ein Gebet.
Ein anderer sagte: „Jetzt hält sie wieder still.“
Doch wenn der Wind richtig stand, glaubten manche, ein leises Atmen zu hören.
Und manchmal sah es so aus, als würde die Vogelscheuche den Kopf drehen.
