Das kleine Gespenst, das sich vor der Dunkelheit fürchtete

Ein Schloss voller Flüstern

Hoch oben auf einem Hügel stand ein altes, krummes Schloss. Seine Mauern waren grau wie Regenwolken, und nachts knarrten die Fensterläden im Wind. Wenn der Mond schien, hörte man leises Flüstern, als würden die Steine miteinander reden.

Doch dieses Schloss war gar nicht so gruselig, wie es aussah. Denn hier lebten freundliche Wesen: eine vergessliche Hexe, eine schlafende Fledermausfamilie, eine klapperige Ritterrüstung – und ein kleines Gespenst namens Flitzi.

Flitzi war kein gewöhnliches Gespenst. Er war klein, rundlich und schimmerte wie Milch mit einem Hauch von Mondlicht. Und obwohl er ein Gespenst war, hatte er ein großes Problem.

Flitzi hatte Angst. Angst vor der Dunkelheit.

Flitzi und das Licht im Herzen

Jeden Abend, wenn die Sonne unterging und die Schatten länger wurden, versteckte sich Flitzi unter seiner Lieblingsdecke. Sie war aus Spinnwebenseide gestrickt und glitzerte wie Sterne.

„Buh…“, versuchte Flitzi manchmal leise zu sagen. Doch es klang eher wie ein schüchternes „Puh“.

Die anderen Gespenster im Schloss liebten die Nacht. Sie schwebten durch Flure, machten lustige Geräusche und spielten Verstecken hinter alten Vorhängen.

Aber Flitzi blieb lieber in seinem Turmzimmer.

„Was ist, wenn die Dunkelheit mich erschreckt?“, flüsterte er. Denn obwohl Gespenster durchsichtig waren, konnte man trotzdem Angst im Herzen haben.

Ein seltsames Geräusch im Flur

Eines Abends, als der Mond besonders rund war, hörte Flitzi ein klack… klack… klack.

Er zog die Decke bis über seine Augen. Das Geräusch kam näher.

„Hallo?“, piepste eine Stimme.

Flitzi zitterte. War das ein Monster? Ein Nachtgeist? Oder schlimmer: eine Spinne mit Stiefeln?

Langsam lugte er unter der Decke hervor.

Vor ihm stand… eine Ritterrüstung! Aber sie war schief zusammengebaut, und ihr Helm saß verkehrt herum.

„Ich finde meinen Fuß nicht“, sagte die Rüstung traurig.

Flitzi musste kichern. Ein kleines, glucksendes Gespensterkichern.

„Du hast ihn an der falschen Seite“, erklärte er mutig.

Die Ritterrüstung bedankte sich und klapperte davon. Flitzi spürte etwas Neues: ein kleines Funkeln von Mut.

Die weinende Hexe in der Küche

Am nächsten Abend wagte sich Flitzi ein Stück weiter aus seinem Zimmer. Er schwebte vorsichtig die Wendeltreppe hinunter. Die Fackeln an den Wänden flackerten sanft.

Plötzlich hörte er ein Schluchzen.

In der Schlossküche saß die alte Hexe Wanda auf einem Hocker. Ihr Hut hing schief, und ihre Nase tropfte – vor Tränen!

„Was ist denn los?“, fragte Flitzi leise.

„Meine Suppe ist misslungen“, jammerte Wanda. „Sie sollte gluckern und gruseln, aber sie schmeckt nach Banane!“

Flitzi schaute in den Topf. „Vielleicht ist das gar nicht schlimm“, sagte er. „Kinder mögen Banane.“

Die Hexe lächelte. „Du hast recht.“

Sie umarmte Flitzi vorsichtig, damit er nicht durch sie hindurchflog. Und wieder wuchs sein Mut ein bisschen.

Das große, dunkle Kellerloch

Doch dann kam der Abend, vor dem Flitzi sich am meisten fürchtete.

Die anderen Gespenster wollten Verstecken im Keller spielen.

Der Keller war tief, dunkel und roch nach alten Schuhen und Geheimnissen. Kein Mondlicht kam hinein. Keine Fackel brannte dort.

„Ich kann nicht“, flüsterte Flitzi.

„Du musst ja nicht“, sagten die anderen freundlich. Aber Flitzi wollte es versuchen.

Mit klopfendem Gespensterherz schwebte er die Stufen hinab. Die Dunkelheit war überall. Sie fühlte sich an wie eine große, kalte Decke.

Plötzlich hörte er ein tiefes Grrrummm.

Flitzi wollte wegrennen – doch dann erinnerte er sich an die Ritterrüstung. An die Hexe. An seinen Mut.

„Hallo?“, rief er zitternd.

Das Monster mit dem flauschigen Problem

Aus der Dunkelheit trat ein riesiges Schattenwesen hervor. Es hatte lange Arme, große Augen und… ein Schniefen?

„Ich hab Angst“, sagte das Monster mit bebender Stimme.

„Du?“, fragte Flitzi überrascht.

„Ja“, schluchzte das Monster. „Alle denken, ich bin gruselig. Aber eigentlich bin ich nur einsam.“

Flitzi schwebte näher. „Ich hab auch Angst“, sagte er ehrlich. „Vor der Dunkelheit.“

Das Monster lächelte ein bisschen. „Ich hab Angst vor dem Alleinsein.“

Sie setzten sich nebeneinander auf eine alte Kiste.

Und plötzlich war der Keller gar nicht mehr so dunkel.

Ein Licht, das heller ist als die Nacht

Flitzi merkte, dass sein Körper heller leuchtete als sonst. Nicht, weil er ein Gespenst war, sondern weil er mutig war.

Das Licht erfüllte den Keller mit warmem Glanz. Die Schatten tanzten freundlich an den Wänden.

„Du leuchtest“, staunte das Monster.

„Vielleicht, weil ich nicht mehr alleine bin“, sagte Flitzi.

Die anderen Gespenster kamen dazu, dann die Hexe, sogar die Ritterrüstung. Alle lächelten.

Der Keller wurde zum gemütlichsten Ort im Schloss.

Eine neue Art von Grusel

Von diesem Abend an hatte Flitzi keine Angst mehr vor der Dunkelheit. Denn er wusste: Auch im Dunkeln kann Freundschaft wohnen.

Er lernte, dass Grusel manchmal nur ein verkleidetes Gefühl ist. Und dass Mut ganz leise sein darf.

Manchmal, wenn Kinder nachts ein kleines Licht sehen, ist es vielleicht Flitzi. Wie er durch die Dunkelheit schwebt und flüstert: „Du bist nicht allein.“

Und dann ist die Nacht gar nicht mehr so gruselig.

Portrait des Autors
Autor · SEO · Nerd

Matt Pülz

Matt ist SEO mit einer Leidenschaft für das Schreiben. Er liebt Horrorgeschichten und kreatives Schreiben im Allgemeinen.

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