Der lebende Sarg: Schreie unter der Erde
Totengräber hört Schreie im Boden
Der Friedhof des kleinen Dorfes lag einsam am Waldrand. Alte Bäume warfen ihre Schatten über krumme Grabsteine und nur selten kam jemand vorbei. Die meisten Gräber waren alt, die Toten längst vergessen.
Eines Abends, als Totengräber Ewald sein Werkzeug wegräumte, hörte er es.
Ein Schrei. Dumpf, erstickt, direkt unter seinen Füßen.
Ewald blieb stehen, das Herz raste. Noch ein Schrei, diesmal deutlicher, und als klopfe jemand gegen einen Holzdeckel.
Er kniete nieder, legte das Ohr an die Erde. „Hilfe!“, hörte er, schwach, verzweifelt.
Mit zitternden Händen rief er den Pfarrer, der gleich darauf mit zwei Männern kam. Gemeinsam schaufelten sie Erde beiseite, bis der Sargdeckel zum Vorschein kam.
Sie rissen ihn auf.
Leer.
Nur Stille.
Dorf glaubt an Irrtum
Am nächsten Tag ging das Gerücht durchs Dorf: Schreie im Grab. Manche lachten, andere tuschelten von Geistern.
„Es war sicher nur der Wind“, sagte eine alte Frau. „Oder ein Tier.“
Doch Ewald schwor, es gehört zu haben. Und er war nicht allein. In den folgenden Nächten hörten auch andere Besucher Schreie: Männer, Frauen, manchmal Kinder. Immer wieder.
Doch jedes Mal, wenn ein Grab geöffnet wurde, war es leer. Nur Holz, feuchte Erde, sonst nichts.
Die Dorfbewohner wurden unruhig. Manche wagten sich nicht mehr auf den Friedhof. Andere zündeten Kerzen an, flüsterten Gebete.
Doch die Schreie hörten nicht auf.
Stimmen klingen immer näher
Eines Nachts hörte eine Gruppe Jugendlicher die Schreie. Sie hatten sich aus Mutprobe zum Friedhof geschlichen, wollten lachen und prahlen.
Doch als die Stimmen erklangen, wurde es still.
„Hört ihr das?“ flüsterte einer.
Es klang, als ob Dutzende Menschen gleichzeitig schrien. Als ob sie näherkamen, immer näher, direkt unter den Füßen.
Die Jugendlichen rannten panisch davon, erzählten am nächsten Tag, der Boden hätte vibriert, als stünde etwas kurz davor, hindurchzubrechen.
Von da an sprach man im Dorf nur noch vom lebenden Sarg.
Grab wird zur tödlichen Falle
Ewald jedoch ließ es keine Ruhe. Er wollte die Wahrheit wissen.
Eines Abends blieb er länger am Friedhof. Die Schreie begannen wieder, klagend, verzweifelt. Er folgte ihnen, Schritt für Schritt, bis er vor einem besonders alten Grab stand.
„Was wollt ihr?“ rief er. Doch die Stimmen schrien nur lauter.
Er griff zur Schaufel, begann zu graben. Der Boden war weich, die Schreie direkt darunter.
Plötzlich brach der Boden ein. Ewald stürzte in die Tiefe.
Als die Dorfbewohner am Morgen suchten, fanden sie nur seine Schaufel im Gras. Das Grab war offen – leer. Kein Sarg, keine Leiche, keine Spur.
Nur das Echo der Schreie hallte weiter.
Der Friedhof bleibt für immer verflucht
Von diesem Tag an traute sich niemand mehr nachts auf den Friedhof. Die Schreie wurden lauter, regelmäßiger.
Manchmal erzählten Besucher, sie hätten Hände gesehen, die kurz aus der Erde ragten, nur um wieder zu verschwinden. Andere behaupteten, die Gräber bewegten sich, als ob darunter etwas atmete.
Der Pfarrer ließ schließlich den Friedhof schließen. „Niemand betritt ihn mehr nach Sonnenuntergang“, sagte er.
Doch die Dorfbewohner wussten: Die Stimmen hörte man auch aus der Ferne. Im Wind, im Flüstern der Bäume, im Knarren der Häuser.
Und wer zu nah heranging, wer dem Klang folgte… kam nie wieder zurück.
Die Gräber aber warteten. Mit offenen, hungrigen Kehlen.
