|

Der Mond kennt meinen Namen

Das Dorf, das den Mond fürchtet

Das Dorf Krähenfels lag zwischen dichten Wäldern und steilen Hügeln. Tagsüber wirkte es unscheinbar, fast friedlich. Nachts jedoch, wenn der Mond über den Baumwipfeln stand, schlossen die Menschen ihre Fensterläden und verriegelten die Türen.

Niemand sprach offen darüber. Aber jeder wusste es.

Bei Vollmond starb jemand.

Es begann mit Tieren. Zerrissene Schafe, aufgeschlitzte Kühe, Blutspuren, die im Wald endeten. Dann waren es Menschen. Ein Jäger, den man am Waldrand fand. Eine Frau, die abends nicht nach Hause kam. Immer dasselbe Bild: zerfetztes Fleisch, gebrochene Knochen, Spuren großer Klauen.

Die Alten flüsterten von einem Fluch. Die Jüngeren lachten nervös und nannten es einen Wolf. Doch die Spuren passten nicht. Zu groß. Zu menschlich.

Als der nächste Vollmond näherkam, kehrte Elias Berger nach Krähenfels zurück.

Mann kehrt widerwillig zurück

Elias hatte das Dorf vor zehn Jahren verlassen. Zu viele Erinnerungen, zu viele Blicke, zu viel Enge. Er war Polizist geworden, in der Stadt, wo Verbrechen erklärbar waren. Messer, Motive, Beweise.

Jetzt stand er wieder vor dem Haus seiner verstorbenen Mutter, der Mond bereits bleich am Himmel.

Der Bürgermeister hatte ihn angerufen. „Wir brauchen jemanden von außerhalb. Jemanden, der nicht… befangen ist.“

Elias wusste, was das bedeutete. Man hoffte, er würde tun, was die anderen nicht konnten: das Monster finden.

Schon in der ersten Nacht hörte er das Heulen.

Es war kein Wolf. Dafür hatte Elias genug Aufnahmen gehört. Dieses Geräusch war tiefer. Länger. Es klang fast wie eine Stimme, die versuchte, ein Wort zu formen.

Seinen Namen.

Spuren im Wald

Am nächsten Morgen führte man ihn zu der letzten Leiche. Ein junger Mann, kaum zwanzig, zerfetzt zwischen Bäumen. Der Brustkorb war geöffnet, als hätte jemand ihn mit bloßen Händen aufgerissen.

Elias kniete sich neben die Spuren im Boden.

Große Abdrücke. Fünf Zehen. Zu lang, zu gleichmäßig.

„Das ist kein Tier“, murmelte er.

Der Förster nickte schweigend. „Das sagen wir seit Jahren.“

Im Wald fühlte Elias sich beobachtet. Nicht gejagt – erkannt. Als würde etwas wissen, dass er da war. Dass er zurückgekommen war.

In der Nacht träumte er vom Laufen. Nackt, schnell, durch Unterholz. Von Blut im Mund, warm und vertraut.

Er wachte schweißgebadet auf, seine Fingernägel schmerzten.

Die alte Legende

Eine alte Frau, Marta, bat Elias am dritten Tag zu sich. Sie war fast blind, lebte allein am Dorfrand.

„Du suchst falsch“, sagte sie. „Du suchst draußen.“

„Wo sonst?“ fragte Elias.

Sie lächelte traurig. „Der Fluch kommt nicht aus dem Wald. Er geht nur dorthin.“

Sie erzählte von einer Familie. Den Bergers. Von Generationen von Männern, die bei Vollmond verschwanden oder tot aufgefunden wurden. Von Frauen, die schwiegen, um ihre Söhne zu schützen.

Elias lachte nervös. „Meine Familie? Das ist absurd.“

Marta legte ihre knochige Hand auf seinen Arm. „Dein Vater starb bei Vollmond.“

Elias erinnerte sich. Offiziell ein Unfall. Ein Sturz im Wald.

In dieser Nacht begann sein Körper zu schmerzen.

Die Veränderung

Zuerst war es die Hitze. Dann das Zittern. Elias stand vor dem Badezimmerspiegel, das Licht flackerte. Seine Pupillen waren größer als normal. Seine Zähne schmerzten, als würden sie wachsen.

Er hörte sein Herz. Es schlug zu schnell. Zu stark.

Draußen ging der Mond auf.

Elias wollte fliehen, doch seine Beine trugen ihn nicht. Etwas in ihm freute sich. Etwas wartete.

Als die Knochen knackten, schrie er nicht. Der Schmerz war furchtbar – und doch vertraut. Als würde sein Körper sich erinnern, was er immer gewesen war.

Seine Haut spannte, riss nicht, sondern gab nach. Fell brach hervor. Seine Hände verlängerten sich, Finger wurden Klauen.

Der Mensch in ihm zog sich zurück.

Der Werwolf trat hervor.

Die Nacht gehört dem Monster

Er rannte.

Nicht ziellos – sicher. Jeder Sprung saß. Jeder Geruch war klar. Angst roch süß. Blut roch wie Heimkehr.

Im Dorf gingen Lichter aus. Türen bebten unter Schlägen, die keine Hände waren.

Er tötete schnell. Nicht aus Hunger. Aus Notwendigkeit.

Als der Morgen graute, lag er keuchend im Wald, nackt, blutverschmiert, umgeben von Stille.

Elias erwachte mit dem Geschmack von Eisen im Mund.

Erkenntnis und Verzweiflung

Man fand drei Tote.

Elias sah die Leichen, hörte die Beschreibungen – und wusste.

Er hatte keine Erinnerung. Aber er hatte Gewissheit.

In seiner Jacke fand er einen Fetzen Stoff. Blutdurchtränkt. Vom Hemd eines der Opfer.

Er wollte sich stellen. Wollte sterben. Doch Marta hielt ihn zurück.

„Du kannst ihn nicht töten“, sagte sie. „Du bist er.“

Elias verstand nun: Der Werwolf war kein Fluch, der sprang. Er war ein Erbe. Ein Teil. Unausweichlich.

Der letzte Vollmond

Elias entschied sich.

In der Nacht des nächsten Vollmonds kettete er sich im Keller des Hauses an. Stahl. Schlösser. Er schrie sich selbst an, hielt sich fest, als die Verwandlung begann.

Der Werwolf tobte. Zerrte. Heulte.

Die Ketten hielten.

Am Morgen war Elias tot.

Die Leiche war menschlich. Zerbrochen. Die Hände blutig vom eigenen Kampf.

Seitdem gab es keine Morde mehr in Krähenfels.

Doch manchmal, bei Vollmond, hören die Dorfbewohner ein fernes Heulen. Nicht hungrig… Traurig.

Portrait des Autors
Autor · SEO · Nerd

Matt Pülz

Matt ist SEO mit einer Leidenschaft für das Schreiben. Er liebt Horrorgeschichten und kreatives Schreiben im Allgemeinen.

Mehr über Matt Pülz erfahren

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert