Der Schaukelstuhl: Grauen in den eigenen vier Wänden
Familie stellt Schaukelstuhl ins Kinderzimmer
Ich habe den Stuhl gekauft, weil er schön war. So beginnt es meistens, oder? Man sieht etwas Hübsches, etwas mit Geschichte. Man stellt es ins Haus und glaubt, diese Geschichte gehöre nun einem selbst.
Es war ein Samstagnachmittag. Flohmarkt auf dem Parkplatz hinter der Kirche. Die Sonne schien, aber der Wind war kalt. Unser Sohn, Emil, hielt meine Hand und zählte die Fähnchen. „Eins, zwei, drei …“, und dann blieb er stehen. Sein Blick hing an einem Stand mit Möbeln: Kommoden, Spiegel, ein hohes Bettgestell – und ein Schaukelstuhl. Dunkles Holz, geschwungene Armlehnen, die Sitzfläche aus einem geflochtenen Muster, das aussah wie alte Spitzenhandschuhe.
„Schau mal, Mama“, sagte Emil. „Der wippt.“
Er wippte tatsächlich. Nur ein Hauch. Vielleicht wegen des Windes. Oder, so dachte ich später, weil er sich über uns freute.
Der Verkäufer war ein dünner Mann in zu enger Weste. Er strich über die Lehne, als würde er ein Tier beruhigen. „Er ist antik“, sagte er. „Aus einer Haushaltsauflösung. Über hundert Jahre, wenn nicht mehr.“
Ich stellte mir vor, wie ich in diesem Stuhl sitze und Emil ein Buch vorlese. Ein warmer Abend, die Lampe gedimmt, sein Kopf auf meinem Arm. Ich fragte nach dem Preis. Der Mann nannte eine Summe, die mir lächerlich niedrig vorkam. Ich zahlte bar. Er half mir, den Stuhl in den Kofferraum zu laden.
Zuhause trugen wir ihn ins Kinderzimmer. Emil sprang auf und ab. „Hier, Mama! Neben den Sternen!“ Die Sterne waren Stickers an der Wand. Daneben stand sein kleines Bett, daneben das Regal mit den Bilderbüchern, ganz unten die Holzeisenbahn.
Ich stellte den Stuhl in die Ecke, schob die Spitze des Teppichs darunter und wischte mit der Hand über die Armlehne. Das Holz war glatt und kalt.
„Jetzt vorlesen“, sagte Emil.
Es war ein guter Abend. Wir lasen zwei Bücher. Emil kuschelte sich an mich, und der Stuhl wiegte uns sanft. Ich wippte kaum. Es fühlte sich an, als ob der Stuhl wüsste, wie man Kinder beruhigt.
Stuhl bewegt sich ohne menschliche Hand
In der Nacht erschrak ich. Irgendetwas weckte mich. Ein Knarren. Ein leises, rhythmisches Geräusch, als ob Holz atmet. Ich hielt die Luft an und lauschte.
Der Wind? Nein. Es klang näher. Es klang nach oben, nach Emils Zimmer. „Hörst du das?“, flüsterte ich. Mein Mann, Jonas, brummte etwas und drehte sich weg.
Ich stand auf und schlich in den Flur. Das Haus war dunkel, nur die Nachtlampe im Treppenhaus warf einen gelben Schein. Das Geräusch war jetzt deutlicher: Sch… sch… sch… sehr sanft, sehr gleichmäßig. Ich öffnete die Tür zu Emils Zimmer.
Der Schaukelstuhl bewegte sich.
Es war kein Zittern. Es war ein ruhiges Wiegen, als ob eine unsichtbare Hand ihn führte. Emil schlief tief. Seine kleine Brust hob und senkte sich. Ich trat näher. Mit jedem Schritt verlangsamte sich die Bewegung. Als ich die Lehne berührte, stand der Stuhl still. Mein Finger hinterließ einen Schlieren auf dem staubigen Holz.
Ich sagte mir, dass der Boden uneben war. Alte Häuser, alte Dielen. Vielleicht hatte ich die Tür zu schnell geöffnet und Luft hineingelassen. Ich ging zurück ins Bett.
Die nächste Nacht dasselbe. Sch… sch… sch… Ein flüsternder Rhythmus, der nicht aufhören wollte. Ich stand wieder auf. Der Stuhl bewegte sich schneller, als hätte er sich über mich gefreut. Ich blieb diesmal im Türrahmen stehen und starrte in das Dunkel. Emil wälzte sich im Bett, murmelte etwas. „Oma …“, sagte er, ganz leise. „Nicht jetzt … ich bin müde.“
Es war, als hätte mir jemand Eiswasser in den Rücken gegossen.
Kind spricht mit unsichtbarer Oma
Am Morgen fragte ich beim Frühstück: „Emil, wer ist Oma?“
Er tunkte sein Brötchen in den Kakao. „Meine Oma“, sagte er und grinste, als wäre es das Normalste der Welt. „Sie singt, wenn ich nicht schlafen kann.“
Jonas sah mich an. „Er meint sicher deine Mutter“, sagte er. „Sie hat letzte Woche angerufen.“
„Nein“, sagte Emil. „Nicht die Oma. Die andere. Die unsichtbare Oma.“
Ich lachte, um mich zu beruhigen. „Aha. Und wie heißt die unsichtbare Oma?“
Emil stopfte sich den Rest des Brötchens in den Mund. „Sie heißt gar nicht. Sie summt nur.“
In der dritten Nacht hörte ich die Melodie. Sie drang nicht aus dem Stuhl, nicht aus der Wand. Sie war einfach da. Eine dünne, alte Weise, wie eine Wiegenmelodie ohne Worte. Sie bestand aus drei Noten, die sich wiederholten, und am Ende ein langes, weiches Ziehen, als ob ein Atemzug die Töne trug. Mir wurde schwindlig. Ich spürte die Melodie in meinem Brustbein, wie ein unsichtbares Gewicht, das mich nach vorne zog.
Ich ging die Treppe hinauf. Der Schaukelstuhl bewegte sich nun schneller, die Lampe im Flur flackerte einmal und brannte dann stärker. Emil saß im Bett, die Decke bis zur Nase. Er lächelte in die Ecke, als wäre dort jemand.
„Wer ist da?“, fragte ich.
„Oma“, sagte er. „Sie sagt, du sollst nicht so streng gucken. Du machst Falten im Gesicht.“
„So“, sagte ich. Und dann: „Oma, mhm.“ Ich trat vor den Stuhl. „Gute Nacht, Oma“, sagte ich in die Luft. Mir war nicht nach Scherzen, aber ich wollte Emil beruhigen. „Jetzt ist Schlafenszeit.“
Die Melodie hörte auf. Der Stuhl stand still.
Melodie hallt durch nächtliches Haus
Am nächsten Tag rief ich meine Mutter an. Ich erzählte ihr von Emils „unsichtbarer Oma“. Sie lachte. „Kinder haben eben Fantasie. Und du warst auch ein merkwürdiges Kind. Du hast mit der Gardine gesprochen und sie Frau Wolke genannt.“
„Das ist nicht dasselbe“, sagte ich. „Der Stuhl wippt von selbst.“
„Dann klemm Filz unter die Kufen“, sagte sie. „Und ruhe dich mal aus, Lena. Du klingst müde.“
Ich kaufte Filzgleiter im Baumarkt, klebte sie unter die Kufen, schob den Stuhl enger in die Ecke. In der folgenden Nacht wippte er trotzdem. Langsam, geduldig, als hätte er keine Eile. Die Melodie setzte später ein. Sie kam aus dem Nichts und war sofort überall. Emil lachte im Schlaf.
Am Morgen fand ich etwas unter dem Stuhl. Es sah aus wie ein Haar, ein langer, grauer Faden. Ich hob ihn auf. Er war zäh. Ich wickelte ihn um meinen Finger, und er schnitt sich in die Haut, als wäre er stärker als er aussah. Ich warf ihn in den Müll.
In den nächsten Tagen wurde Emil stiller. Er spielte nicht mehr so viel mit seinen Bauklötzen. Er saß oft auf dem Teppich vor dem Stuhl und starrte in die Luft. Manchmal nickte er und sagte: „Ja, Oma. Ich auch.“ Oder: „Nein, Oma. Das darf man nicht.“ Wenn ich ihn fragte, mit wem er sprach, sagte er: „Na mit Oma. Sie sagt, ich soll leise sein, wenn du kommst.“
Einmal hörte ich ihn im Bad singen. Es war die Melodie. Drei Noten, wieder und wieder. Ich bat ihn aufzuhören. Er starrte mich an, als hätte ich ihm ein Geheimnis weggenommen.
„Oma sagt, du verstehst das nicht“, sagte er. „Oma findet dich streng.“
Das tat weh. Ich sagte nichts mehr.
Mutter entdeckt Haar und Knochen im Holz
Ein paar Tage später fiel der Stuhl plötzlich um. Ich hörte den Schlag im Flur. Emil stand daneben, die Augen weit. „Er ist gefallen“, sagte er. „Oma ist böse.“
Ich stellte den Stuhl wieder hin – und bemerkte dabei feine Schnitzereien in der Lehne. Buchstaben. Alte, spitze Zeichen. Nur ein Wort konnte ich lesen: Hexe.
Später, beim Putzen, löste sich ein Splitter. Darunter lag ein kleines, helles Stück Knochen. Echt. Keine Reparatur. Ich wusste sofort, was es war.
Familie versucht Schaukelstuhl zu zerstören
Jonas beschloss, den Stuhl in einer Werkstatt zu zerschlagen. Wir trugen ihn hinaus. Emil schrie: „Oma will nicht weg!“
In der Werkstatt begann Jonas zu sägen. Doch das Holz wehrte sich. Die Säge sprang zurück. Risse bildeten sich von allein, als öffnete sich etwas von innen. Unter der Sitzfläche fanden wir graues Haar, eingewoben in das Holz.
Als Jonas mit dem Hammer zuschlug, brach das Holz auf – und darunter lag ein Paket aus Stoff, gefüllt mit Asche, Schmuckstücken und kleinen Knochen.
Die Melodie schwieg. Dann erhob sich die Asche. Formte Gestalt. Fiel wieder in den Stuhl zurück.
Wir wollten ihn verbrennen. Doch keine Flamme hielt. Die Luft erstickte jedes Feuer.
Hexe befreit sich aus ihrem Gefängnis
Verzweifelt fuhren wir zum Fluss. Jonas warf den Stuhl von der Brücke. Er sank, kam wieder hoch, drehte sich. Schatten lösten sich im Wasser. Die Melodie klang fern, dann verstummte sie.
Wir glaubten, es sei vorbei.
Doch am nächsten Morgen fand ich Spuren im Garten. Linien, gezogen wie mit einem Stock, führten ins Haus.
Emil sah in die Ecke seines Zimmers, wo der Stuhl gestanden hatte, und flüsterte: „Oma ist frei. Sie wohnt jetzt überall.“
In der Nacht hörte ich Schritte im Flur. Langsam, geduldig, unsichtbar.
Am Morgen hing ein graues Haar an der Türklinke. Ich ließ es dort.
Denn ich wusste: Die Hexe war nicht verschwunden. Sie war frei. Und sie wohnte jetzt bei uns.
