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Die Puppe im Koffer: Junge Frau bezahlt üblen Preis

Junge Frau findet eine Puppe, die niemand will

Eleni war erst vor drei Wochen in die neue Stadt gezogen. Neue Wohnung, neuer Job, neue Straßen, die nachts anders rochen als am Tag. Sie mochte diese Art Einsamkeit, die sich anfangs wie Freiheit anfühlt.

Am Samstag ging sie auf einen Flohmarkt am alten Güterbahnhof. Zwischen Kisten mit Schallplatten und verblichenen Fotos stand ein Tisch, auf dem eine einzelne Porzellanpuppe saß. Nicht in einer Gruppe, nicht zwischen Spielzeug. Ganz allein. Aufrecht, als würde sie auf etwas warten.

Die Puppe trug ein dunkelblaues Samtkleid, die Spitzenärmel waren an den Rändern ausgefranst. Ihr Porzellangesicht war blass und glatt. Die Augen waren aus Glas, grau-blau, und sie sahen nicht freundlich aus. Nicht böse. Eher leer, wie ein Fenster, hinter dem niemand wohnt.

„Schöne Puppe“, sagte Eleni, mehr zu sich selbst als zum Verkäufer.

Der Mann hinter dem Tisch hob die Hände, als wolle er das Ding abwehren. „Nehmen Sie sie. Wirklich. Fünf Euro.“

„So günstig?“

„Ich will sie nur loswerden.“

Eleni lachte kurz. „Warum?“

Der Mann sah an ihr vorbei, als würde er jemandem nicht in die Augen schauen wollen. „Sie kommt immer wieder.“

Eleni dachte, das sei ein schlechter Witz. Sie bezahlte, bekam die Puppe in Zeitungspapier gewickelt und trug sie nach Hause wie ein Geschenk an sich selbst. Ein Stück Nostalgie, sagte sie sich. Ein Dekorationsobjekt.

Zu Hause setzte sie die Puppe auf ihr Regal neben ein paar Bücher. Die Puppe kippte leicht nach rechts, als wäre ein Bein kürzer. Eleni richtete sie gerade aus und ging in die Küche, um Kaffee zu machen.

Als sie zurückkam, saß die Puppe wieder schief.

Eleni runzelte die Stirn. Sie berührte das Porzellan. Kalt. Unbeweglich. Sie richtete sie erneut aus.

„Das bleibt jetzt so“, murmelte sie, als hätte sie einem Tier eine Grenze gesetzt.

In der Wohnung verändert sich etwas Kleines

In der ersten Nacht wachte Eleni auf, weil sie glaubte, Schritte zu hören. Nicht im Flur des Hauses, sondern in ihrer Wohnung. Leichtes, vorsichtiges Tippen, als würde jemand barfuß über Laminat gehen und versuchen, nicht zu knarren.

Sie setzte sich auf. Der Raum war dunkel, nur die Straßenlaterne warf ein schwaches Viereck an die Wand. Eleni hielt den Atem an.

Nichts.

Sie legte sich wieder hin. Kurz bevor sie einschlief, hörte sie ein Geräusch wie Stoff, der über Holz reibt.

Am Morgen stand die Puppe nicht mehr auf dem Regal. Sie saß auf dem Küchenstuhl.

Eleni blieb im Türrahmen stehen. Ein feiner, kalter Schauer kroch ihr in den Nacken.

„Okay“, sagte sie laut. „Okay. Sehr witzig.“

Sie ging näher. Die Puppe saß gerade, beide Hände auf dem Schoß. Auf dem Tisch lag Elenis Schlüsselbund. Daneben stand ein leeres Glas.

Eleni erinnerte sich nicht, ein Glas hingestellt zu haben.

Sie hob die Puppe hoch. Sie war schwerer, als sie gestern gewirkt hatte. Porzellan, ja, aber darunter fühlte es sich an, als sei mehr in ihr. Als wäre sie nicht nur ein hohler Körper.

Eleni trug sie zurück ins Wohnzimmer, setzte sie wieder aufs Regal. Diesmal nahm sie ein Stück Klebeband und befestigte die Puppe am Regalboden, ganz unauffällig hinter dem Kleid.

„Jetzt kommst du nicht mehr runter“, sagte sie.

Sie drehte sich um, ging ins Bad, putzte sich die Zähne. Das Wasser rauschte. Sie starrte in den Spiegel und versuchte, nicht an die Puppe zu denken.

Als sie zurück ins Wohnzimmer ging, saß die Puppe auf dem Sofa.

Das Klebeband hing noch am Regal, abgerissen, als hätte es jemand sauber mit Fingernägeln gelöst.

Eleni schluckte. Sie spürte plötzlich einen Druck auf den Ohren, als wäre die Luft im Raum dichter geworden.

Sie nahm die Puppe und trug sie in den Abstellraum. Schloss die Tür. Doppelt.

Den ganzen Tag über ging sie an der Tür vorbei und erwartete, hinter dem Holz ein Kratzen zu hören. Aber es blieb still.

Am Abend kochte sie sich Pasta, rief eine Freundin an, erzählte nichts von der Puppe. Sie wollte nicht die Person sein, die in einer neuen Stadt nach drei Wochen schon Geistergeschichten hat.

Als sie später ins Bett ging, lag etwas auf ihrem Kopfkissen.

Ein kleines Stück blaues Samt. Ein Faden, wie aus einem Ärmel.

Eleni setzte sich auf, das Herz schlug schneller. Ihre Augen wanderten zur Schlafzimmertür.

Im Türrahmen stand die Puppe.

Nicht auf dem Boden. Sie stand aufrecht.

Die Puppe lernt, wie Eleni denkt

Am nächsten Tag nahm Eleni die Puppe mit zur Arbeit, ohne Plan, ohne Erklärung. Sie packte sie in eine Stofftasche, als wäre es ein Buch. In der Mittagspause ging sie zu einem Antiquitätenladen und stellte die Puppe auf den Tresen.

„Ich will die verkaufen“, sagte sie.

Der Händler, ein schmaler Mann mit Brille, sah die Puppe an, und sein Gesicht veränderte sich. Er lächelte nicht, aber seine Mundwinkel spannten sich kurz, wie bei jemandem, der etwas Schlimmes erkennt.

„Wo haben Sie die her?“

„Flohmarkt.“

Er hob die Hände, als wolle er sie nicht berühren. „Ich kaufe die nicht.“

„Warum?“

Der Mann schluckte. „Manchmal ist etwas alt. Und manchmal ist etwas… geblieben.“

Eleni lachte nervös. „Sie machen Witze.“

„Nein“, sagte der Mann. „Nehmen Sie sie wieder mit.“

Als Eleni die Puppe in die Tasche steckte, glaubte sie, ein leises Klicken zu hören. Als hätte etwas im Inneren der Puppe kurz gegen Porzellan gedrückt. Wie ein Zahn.

Zuhause stellte sie die Puppe diesmal auf den Boden im Flur, direkt vor die Wohnungstür. Als eine Art Warnschild. Als würde sie sagen: Du gehörst nicht in mein Wohnzimmer. Du gehörst da raus.

In der Nacht träumte Eleni, sie sei wieder auf dem Flohmarkt. Der Verkäufer stand da, aber sein Gesicht war glatt, ohne Augen, ohne Mund. Er hielt einen Koffer in der Hand und öffnete ihn langsam.

Innen lag keine Puppe.

Innen lag etwas, das Eleni sehr ähnlich sah.

Sie wachte schweißnass auf. Ihr Hals war trocken, als hätte sie lange geschrien, aber kein Ton kam heraus.

Im Schlafzimmer war es dunkel. Die Luft roch nach Staub und kaltem Stoff.

Und dann hörte sie es ganz nah.

Ein leises, geduldiges Atmen.

Eleni drehte den Kopf.

Auf dem Nachttisch saß die Puppe. So nah, dass Eleni die feinen Risse im Porzellan sah. Neue Risse, die gestern noch nicht da gewesen waren. Dünn wie Haare. Und sie verliefen nicht zufällig. Sie sahen aus wie Kratzspuren.

Die Puppe hatte den Kopf leicht geneigt, als würde sie zuhören.

Eleni griff nach der Lampe und knipste sie an. Das Licht war grell, hart.

Die Puppe saß still da.

Eleni lachte leise, fast hysterisch. „Du bewegst dich nicht. Du kannst dich nicht bewegen.“

Sie nahm die Puppe, ging ins Bad, stellte sie vor den Spiegel. Ihr eigenes Gesicht sah müde aus, blass in dem Licht. Neben ihr das Porzellangesicht, starr und glatt.

„Siehst du?“, sagte Eleni. „Du bist nur—“

Das Porzellangesicht lächelte.

Nicht viel. Nur ein wenig. Aber Eleni war sicher, dass es vorher anders war. Die Lippen wirkten, als hätten sie sich bewegt. Als hätte jemand von innen dagegen gedrückt.

Eleni ließ die Puppe fallen. Sie schlug auf den Fliesen auf.

Das Porzellan zerbrach nicht.

Sie lag da wie ein Tier, das sich totstellt.

Eleni trat einen Schritt zurück. „Was bist du?“

Im Spiegel hinter ihr flackerte das Licht kurz. Für einen Moment war ihr eigenes Spiegelbild… verzögert. Als würde es einen Herzschlag später reagieren.

Und hinter Eleni, im Spiegel, stand nicht die Puppe.

Hinter Eleni stand Eleni.

Noch eine.

Mit glattem Gesicht und zu großen, leeren Augen.

Der Koffer in der Wohnung ist plötzlich da

Am dritten Tag fand Eleni einen alten Koffer im Wohnzimmer. Einen, den sie nie besessen hatte. Dunkles Leder, abgewetzte Ecken, ein Messingverschluss. Er stand neben dem Regal, wo die Puppe sonst gewesen war.

Die Puppe saß nun auf dem Koffer, als wäre es ihr Platz.

Eleni starrte darauf, unfähig, sofort zu reagieren. Ihr Magen zog sich zusammen.

Sie ging langsam näher und berührte den Koffer. Das Leder war kalt. Als hätte er im Keller gestanden. Als hätte er nie Sonne gesehen.

Auf dem Messingverschluss war ein kleiner, eingravierter Buchstabe: E.

Eleni riss die Hand zurück. Ihr Name. Oder wenigstens ihr Anfangsbuchstabe.

Sie nahm den Koffergriff. Er gab nicht nach, als wäre er festgewachsen.

„Raus“, sagte Eleni leise. „Raus aus meiner Wohnung.“

Die Puppe kippte den Kopf, als würde sie das Wort verstehen.

Eleni ging zum Handy, rief die Hausverwaltung an, fragte, ob jemand einen Schlüssel hätte. Die Stimme am anderen Ende klang gelangweilt. Nein. Nur sie. Vielleicht ein Nachbar bei Notfällen, aber offiziell niemand.

Sie rief eine Freundin an, doch die ging nicht ran.

Dann hörte Eleni ein Geräusch aus dem Wohnzimmer.

Ein leises Metallklicken.

Sie ging zurück. Der Koffer war offen.

Eleni blieb stehen, das Blut rauschte in ihren Ohren. Im Koffer lag Stoff. Dunkelblau. Samt.

Und darin eine kleine Vertiefung, exakt in Form eines Körpers.

Nicht irgendeines Körpers. Wie die Form einer Puppe.

Oder wie die Form eines Menschen, der klein gemacht wurde.

Eleni wollte den Koffer zuschlagen, doch in dem Moment fiel die Wohnungstür ins Schloss. Ganz von allein. Das Geräusch war ruhig, fast höflich.

Die Luft wurde kälter.

Die Puppe stand nun neben dem Koffer.

Sie stand wirklich.

Eleni wich zurück. „Nein“, flüsterte sie. „Nein, nein, nein.“

Sie rannte ins Schlafzimmer, wollte zum Fenster, doch die Vorhänge bewegten sich, obwohl kein Wind da war. Das Glas vibrierte, als hätte jemand von draußen dagegen gedrückt.

Eleni zog am Fenstergriff. Er ließ sich nicht drehen.

Sie drehte sich um.

Im Türrahmen stand die Puppe.

Hinter ihr, tiefer im Flur, stand der Koffer. Offen. Wartend.

Eleni presste die Hand auf den Mund. Ein Schluchzen kam, ohne dass sie es stoppen konnte. „Bitte“, flüsterte sie, und sie wusste nicht einmal, zu wem.

Die Puppe machte keinen Schritt, aber Eleni hatte plötzlich das Gefühl, dass sie bewegt wurde. Nicht geschoben, nicht gezogen – eher eingeladen. Wie ein Gedanke, der nicht mehr ihrer ist.

Sie ging rückwärts, langsam, unfähig, die Füße zu kontrollieren.

Der Koffer kam näher, obwohl er sich nicht bewegte. Er war einfach da, größer, dunkler.

Eleni sah hinunter, und in der Samtauskleidung lag nun etwas, das vorher nicht da gewesen war: eine kleine, glänzende Porzellanhand. Mit feinen Rissen.

Dann noch eine.

Als würde der Koffer schon anfangen, sie zu bauen.

Eleni wollte schreien. Doch die Stimme blieb weg, als wäre ihr Hals plötzlich leer.

Die Puppe hob den Kopf. Und zum ersten Mal wirkte ihr Blick nicht leer, sondern zufrieden.

Eleni spürte, wie ihre Knie nachgaben. Wie der Boden unter ihr nach oben kam, als würde er sie anheben.

Und dann fiel sie nicht.

Sie wurde.

Ein leises, trockenes Klicken erfüllte den Raum, als würde etwas in eine Form einrasten. Als würde ein Deckel schließen.

Der Koffer klappte zu.

Die Wohnung war still. Als hätte niemand je darin gewohnt.

Am Ende bleibt ein neues Sammlerstück

Eine Woche später stand auf demselben Flohmarkt ein Tisch, auf dem eine Porzellanpuppe saß. Sie trug ein dunkelblaues Samtkleid mit Spitzenärmeln. Das Gesicht war makellos bemalt, die Wangen zart rosa.

Nur um die Lippen herum verliefen feine Risse. Wie zarte Kratzspuren.

Eine Frau blieb stehen, beugte sich vor und lächelte. „Schöne Puppe.“

Der Verkäufer hob die Hände. „Nehmen Sie sie. Wirklich. Fünf Euro.“

„So günstig? Warum?“

Der Verkäufer sah an ihr vorbei und sagte leise: „Sie kommt immer wieder.“

Die Frau lachte, bezahlte und nahm die Puppe mit.

Und irgendwo, tief im Porzellan, begann etwas zu klopfen. Ganz leise. Ganz geduldig.

Wie Fingernägel an einer Wand.

Portrait des Autors
Autor · SEO · Nerd

Matt Pülz

Matt ist SEO mit einer Leidenschaft für das Schreiben. Er liebt Horrorgeschichten und kreatives Schreiben im Allgemeinen.

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