Die Puppen im Regen: Verfluchtes Unwetter über dem Friedhof
Der Morgen nach dem Sturm
Der Regen hatte die ganze Nacht gegen die Fenster gepeitscht. Als es endlich still wurde, war die Stadt grau, die Straßen voller Pfützen. Auf dem alten Friedhof tropfte das Wasser von den Bäumen und der Boden war aufgeweicht.
Friedhofswärterin Klara zog ihre Jacke enger und stapfte durch den Matsch. Stürme bedeuteten Arbeit: Äste aufsammeln, Schäden prüfen, Steine wieder aufrichten.
Doch schon am ersten Grab blieb sie stehen.
Auf dem nassen Gras lag eine kleine Puppe. Handgemacht, aus Stoff, das Gesicht mit Fäden gestickt. Und das Erschreckende: Sie sah exakt so aus wie die alte Frau, die in diesem Grab lag – dieselbe Frisur, dieselben Falten.
Klara fröstelte. „Wie kommt die hierher?“
Puppen über den Gräbern
Als sie weiterging, entdeckte sie noch mehr. Vor fast jedem Grab lag eine Puppe: winzige Abbilder der Toten darunter. Männer, Frauen, sogar Kinder.
„Das ist unmöglich“, flüsterte sie.
Am Nachmittag kamen Neugierige. Die Nachricht hatte sich herumgesprochen und bald standen Leute zwischen den Reihen und starrten auf die kleinen Gestalten.
„Vielleicht ein Künstler?“, vermutete einer.
„Oder ein Scherz.“
Doch die Puppen waren zu präzise. Zu persönlich. Manche hatten kleine Muttermale an der richtigen Stelle, andere die Brillen ihrer Vorbilder – alles aus Stoff und Garn.
Es war, als hätte jemand die Seelen der Verstorbenen eingenäht. Und das war schauerlich. Wenn auch nicht für jeden.
Die erste Versuchung: Mann nimmt Puppe mit
„Ich nehme eine mit“, sagte ein junger Mann aus dem Dorf. Er hob die Puppe von einem Grab auf, betrachtete sie lachend. „Sieht ja genauso aus wie mein Großvater. Bestimmt bringt das Glück.“
„Lass das“, warnte Klara. „Die gehören hierher.“
Doch er schüttelte den Kopf und steckte sie in seine Jackentasche.
Am nächsten Morgen war er verschwunden. Kein Abschied, kein Hinweis. Nur seine Schuhe standen noch vor seiner Haustür, durchnässt vom Regen.
Und auf dem Friedhof lag eine neue Puppe. Genau an der Stelle, an der er sie genommen hatte. Dieses Mal sah sie aus wie er.
Angst breitet sich im Dorf aus
Die Stimmung im Dorf kippte. Keiner wagte mehr, in die Nähe des Friedhofs zu gehen. Manche behaupteten, nachts im Regen flüsterten die Puppen.
Klara konnte nicht wegsehen. Sie patrouillierte jeden Abend, versuchte, die Puppen zu sammeln. Doch egal, wohin sie sie brachte… am nächsten Morgen lagen sie wieder auf den Gräbern.
„Das sind doch nur… Figuren“, murmelte sie. Aber ihre Hände zitterten, wenn sie eine berührte.
Eines Abends, als der Regen wieder einsetzte, hörte Klara ein Klopfen. Sie lief zum Friedhof und sah, dass eine der Puppen fehlte.
Stattdessen lag mitten auf dem Weg eine andere. Und sie erkannte das Gesicht sofort. Es war ihr eigenes.
Die Fäden bildeten ihre Augen, ihre Frisur, sogar die kleine Narbe an ihrem Kinn.
„Nein…“, hauchte sie.
Da hörte sie Schritte hinter sich. Langsam, schwer, als würden sie durch den Schlamm stapfen. Sie drehte sich um, doch niemand war da.
Die Puppe in ihrer Hand fühlte sich plötzlich warm an. Fast lebendig.
Singende Puppen im Regen
Am nächsten Morgen fanden Dorfbewohner das Friedhofstor offen. Auf dem Kiesweg lag eine Puppe, die aussah wie Klara.
Von ihr fehlte jede Spur.
Die anderen Puppen lagen still auf ihren Gräbern, durchnässt vom Regen.
Und manchmal, wenn es wieder stürmt, hört man sie im Chor flüstern. Als würden sie darauf warten, dass jemand die nächste mitnimmt.
