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Nachts klopft niemand

Die Stadt, in der es nachts still ist

Die Stadt Lichtenau war nachts ungewöhnlich ruhig. Keine Betrunkenen, kein Gelächter, kaum Autos. Die Menschen schlossen ihre Türen früh, löschten die Lichter und zogen die Vorhänge zu, als gäbe es etwas, das man nicht sehen wollte.

Mara lebte seit einem Jahr hier. Sie arbeitete in der Stadtbibliothek, wohnte allein in einer kleinen Altbauwohnung nahe dem Marktplatz. Sie mochte die Ruhe. Sie mochte es, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein.

Doch seit einigen Wochen war etwas anders.

Zuerst verschwanden Obdachlose. Dann ein älterer Mann aus der Nachbarschaft. Später eine junge Frau, die nachts mit dem Hund unterwegs gewesen war. Die Polizei sprach von Wegzug, von Unglücksfällen, von Zufällen.

Mara glaubte nicht an Zufälle.

Das erste Zeichen

Es begann mit einem Geräusch.

Nicht laut, nicht deutlich – eher ein Gefühl. Als würde jemand vor ihrer Wohnungstür stehen und atmen. Mara wachte nachts davon auf, saß im Bett und lauschte.

Nichts.

Am nächsten Morgen fand sie kleine, dunkle Flecken auf dem Türrahmen. Sie rochen metallisch. Wie rostiges Wasser.

Sie wischte sie weg, sagte sich, dass sie sich hineinsteigerte.

In der Bibliothek bemerkte sie, dass immer dieselben Bücher ausgeliehen wurden. Alte medizinische Abhandlungen. Chroniken. Texte über Blutkrankheiten, mittelalterliche Seuchen, Legenden aus Osteuropa.

Eines der Bücher kam nie zurück.

Der Name auf der Ausleihkarte: Jonas K.

Der Mann ohne Spiegelbild

Mara begegnete Jonas zum ersten Mal an einem verregneten Abend. Er stand unter der Straßenlaterne vor ihrem Haus, als würde er auf etwas warten. Groß, schlank, dunkle Kleidung, blasse Haut.

„Entschuldigung“, sagte er ruhig. „Wohnen Sie hier?“

Seine Stimme war freundlich, aber seltsam leer. Als käme sie aus einem Raum ohne Echo.

„Ja“, antwortete Mara vorsichtig.

„Ich habe mich verlaufen.“

Sie wollte lachen, wollte sagen, dass man sich in Lichtenau kaum verlaufen konnte. Doch irgendetwas hielt sie davon ab.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Jonas lächelte. Seine Zähne waren makellos. Zu makellos.

„Darf ich kurz hereinkommen? Es regnet.“

Mara zögerte. Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf – albern, altmodisch.

Man lädt Fremde nicht ein.

Doch sie war müde. Und er wirkte harmlos.

Sie öffnete die Tür.

Die Einladung

Die Wohnung fühlte sich sofort kälter an.

Jonas sah sich um, langsam, aufmerksam. Sein Blick glitt über die Wände, die Möbel, blieb kurz am Spiegel im Flur hängen.

Er trat nicht näher heran.

„Schöne Wohnung“, sagte er. „Sehr… lebendig.“ Mara schenkte ihm Tee ein. Ihre Hände zitterten leicht, ohne dass sie wusste warum.

„Sie lesen viel“, stellte Jonas fest und betrachtete die Bücherregale.

„Ja.“

„Geschichten über das, was bleibt“, murmelte er.

Sie redeten nicht lange. Jonas wirkte höflich, zurückhaltend. Als er ging, dankte er ihr, als hätte sie ihm etwas Wertvolles geschenkt.

In dieser Nacht träumte Mara von Blut.

Die Veränderung

Nach Jonas’ Besuch fühlte sich Mara anders. Schwächer. Als hätte sie schlecht geschlafen, obwohl sie früh ins Bett gegangen war.

An ihrem Hals entdeckte sie zwei kleine Einstiche. Kaum sichtbar. Sie tat sie als Insektenstiche ab.

Doch sie wurde blasser. Fror ständig. Das Essen schmeckte fade. Spiegel irritierten sie. Manchmal schien ihr Spiegelbild verzögert zu reagieren.

Sie begegnete Jonas wieder. Immer nachts. Immer zufällig. Immer näher.

Er wusste Dinge über sie, die sie ihm nie erzählt hatte. Ihre Kindheit. Ihre Ängste. Ihre Einsamkeit.

„Du lässt niemanden wirklich nah an dich heran“, sagte er eines Abends. „Aber du hast mich hereingelassen.“

Mara spürte einen Druck in der Brust. „Was bist du?“

Jonas sah sie lange an.

„Hungrig.“

Die Wahrheit über Lichtenau

Mara begann zu recherchieren. Alte Zeitungsartikel. Kirchenbücher. Sterberegister.

Alle zwanzig bis dreißig Jahre tauchte dasselbe Muster auf. Verschwundene Menschen. Blutleere Leichen. Ein Name, der nie alterte.

Jonas K.
Johann K.
Jonah K.

Immer derselbe Mann. Immer dieselben Augen.

Sie fand einen Eintrag von 1893. Ein Pfarrer schrieb von einem „Blutgast“, der sich nur dort niederlassen konnte, wo man ihn willkommen hieß.

Mara verstand.

Der Vampir klopfte nicht.

Er wartete, bis man ihn einließ.

Der letzte Besuch

In der Nacht des Vollmonds stand Jonas wieder vor ihrer Tür.

„Du weißt es jetzt“, sagte er ruhig. „Und trotzdem hast du geöffnet.“

„Ich wollte Antworten.“

„Nein“, sagte er sanft. „Du wolltest Gesellschaft.“

Er trat ein. Dieses Mal fühlte sich die Wohnung vertraut für ihn an. Als gehöre sie ihm.

„Du wirst nicht sterben“, versprach er. „Nicht so, wie die anderen.“

Mara wich zurück. Ihr Herz schlug langsam. Zu langsam.

„Was dann?“

Jonas trat näher. Sein Atem war kalt. „Du wirst bleiben.“

Sie wollte schreien, doch ihre Stimme gehorchte ihr nicht mehr. Sie fühlte sich schwer, müde, leer.

Als er zubiss, war es kein Schmerz. Es war Erleichterung.

Was am Ende bleibt

Am nächsten Morgen fand man Maras Wohnung leer. Keine Spuren eines Kampfes. Kein Blut.

Die Polizei sprach von Wegzug. Wie so häufig zuletzt.

In der Bibliothek stand ein neues Buch im Regal. Es war nie katalogisiert worden. Der Einband war dunkel, das Papier alt.

Der Titel lautete: Einladungen.

Und manchmal, nachts, sieht man zwei Gestalten durch Lichtenau gehen. Still. Nah beieinander.

Wenn jemand freundlich genug ist, sie hereinzubitten, klopfen sie nicht.

Sie lächeln nur.

Portrait des Autors
Autor · SEO · Nerd

Matt Pülz

Matt ist SEO mit einer Leidenschaft für das Schreiben. Er liebt Horrorgeschichten und kreatives Schreiben im Allgemeinen.

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