Stalker-Clown: Er lächelt, wenn niemand hinsieht
Der Heimweg durch leere Straßen
Lea ging jeden Abend denselben Weg. Vom Spätdienst im Café, vorbei an der geschlossenen Bäckerei, über den kleinen Platz mit dem Brunnen und dann durch die schmale Seitenstraße zu ihrer Wohnung. Normalerweise war der Weg unspektakulär, fast beruhigend.
An diesem Abend lag etwas in der Luft.
Die Stadt wirkte leerer als sonst. Kein Verkehr, keine Stimmen, selbst die Straßenlaternen summten leiser. Lea zog ihre Jacke enger um sich und beschleunigte unbewusst den Schritt.
Da fiel ihr etwas auf.
Am Ende der Straße stand eine Gestalt. Still. Bewegungsunfähig.
Ein Clown.
Nicht bunt, nicht fröhlich. Das Kostüm war alt, fleckig, die Farben gedämpft wie vergessene Stoffe aus einer anderen Zeit. Das Gesicht war weiß geschminkt, die Lippen zu einem breiten, starren Lächeln verzogen.
Lea blieb stehen.
„Sehr witzig“, murmelte sie. „Irgendwer hat zu viel Zeit.“
Sie ging weiter. Als sie nach wenigen Schritten zurückblickte, war die Gestalt verschwunden.
Gruseliger Clown taucht immer wieder auf
Lea versuchte, die Begegnung zu vergessen. Vielleicht ein Straßenkünstler. Vielleicht ein schlechter Scherz.
Doch an der nächsten Kreuzung sah sie ihn wieder.
Diesmal spiegelte sich sein Gesicht im Schaufenster eines geschlossenen Friseursalons. Er stand direkt hinter ihr – zumindest im Glas.
Lea fuhr herum.
Niemand da.
Ihr Herz klopfte schneller. Sie atmete tief durch, lachte nervös. „Reiß dich zusammen.“
Sie ging weiter, doch sie begann, auf jede Spiegelung zu achten. Autoscheiben. Fenster. Pfützen.
Und immer wieder – dieses Lächeln.
Nicht direkt. Nie ganz klar. Aber da.
Stalker-Clown: Die Verfolgung beginnt
Lea bog in die Seitenstraße ein. Die schmalste, dunkelste des Weges. Normalerweise mochte sie sie nicht, doch sie war der kürzeste Weg nach Hause.
Hinter sich hörte sie Schritte.
Langsam. Bedächtig. Als würde jemand absichtlich nicht aufholen wollen.
Sie ging schneller.
Die Schritte blieben im gleichen Abstand.
Lea drehte sich um.
Der Clown stand am Anfang der Straße. Seine Arme hingen locker herab. Sein Kopf war leicht schiefgelegt, als würde er sie betrachten wie ein interessantes Objekt.
Dann machte er einen Schritt nach vorne.
Lea rannte.
Flucht ohne Ausweg
Ihre Schritte hallten laut zwischen den Hauswänden. Ihr Atem brannte, ihre Lunge schmerzte. Sie wagte keinen Blick zurück, wusste aber, dass er da war.
Nicht hastig. Nicht panisch.
Sicher.
Lea bog um eine Ecke, rannte über den Platz mit dem Brunnen. Das Wasser plätscherte leise, als wäre nichts geschehen. Keine Menschenseele war zu sehen.
„Hilfe!“ schrie sie.
Ihre Stimme klang fremd. Zu dünn. Zu klein.
Als sie stolperte, riss sie sich das Knie auf, rappelte sich wieder hoch und rannte weiter. Der Eingang eines alten Parkhauses lag vor ihr – dunkel, aber offen.
Sie rannte hinein. Warum auch immer sie das für eine kluge Idee hielt…
Schauriger Clown wartet bereits
Das Parkhaus roch nach Beton und Öl. Ihre Schritte hallten viel zu laut. Lea versteckte sich hinter einem Pfeiler, presste sich an die kalte Wand und hielt sich den Mund zu, um nicht zu schluchzen.
Dann hörte sie es.
Ein leises Geräusch. Stoff, der über Beton schleift.
Der Clown trat ins Licht der Notlampe.
Er hatte sich nicht beeilt. Er wirkte nicht außer Atem. Sein Lächeln war unverändert.
„Bitte“, flüsterte Lea, obwohl sie nicht wusste, warum. „Bitte…“
Der Clown hob den Kopf. Seine Augen waren dunkel. Leer. Als würden sie nichts spiegeln.
Er machte einen Schritt.
Dann noch einen.
Lea rannte erneut los, tiefer ins Parkhaus, die Rampe hinunter, doch sie wusste: Es gab keinen Ausgang mehr.
Junge Frau von Clown geschnappt und gefangen
Eine starke Hand packte sie von hinten.
Lea schrie, trat, schlug um sich. Der Griff war unerwartet fest. Kein Zögern, kein Hast. Der Clown brachte sie mit einer Bewegung zu Boden, presste ihr die Luft aus der Lunge.
Sie spürte Stoff an ihrem Mund, grob, riechend nach Staub und altem Leder. Ihre Schreie wurden erstickt.
Der Clown sagte kein Wort.
Er band ihre Hände zusammen, ruhig, routiniert. Jede Bewegung saß. Lea weinte lautlos, ihr Körper zitterte unkontrolliert.
Als er sie hochhob, war es mühelos.
Er warf sie sich über die Schulter, als würde sie nichts wiegen.
Leas Blick verschwamm. Das Parkhaus zog an ihr vorbei, die Lichter wurden zu Streifen. Sie hörte seine Schritte. Gleichmäßig. Sicher.
Dann Dunkelheit.
Die Stadt vergisst schnell
Am nächsten Morgen wurde Leas Tasche am Rand des Platzes gefunden. Ihr Handy lag daneben. Der Bildschirm war gesprungen.
Die Polizei suchte. Befragte Nachbarn. Sichtete Kameras.
Niemand hatte etwas gesehen.
Einige sagten, sie hätten nachts einen Clown gesehen. Doch das wurde nicht ernst genommen. Zu viele Filme. Zu viel Fantasie.
Lea tauchte nie wieder auf.
Ihre Wohnung blieb leer. Ihre Tasse stand noch in der Spüle. Ihre Jacke hing an der Garderobe.
Und manchmal, sehr spät in der Nacht, glauben Menschen, eine Gestalt mit buntem, altem Kostüm durch die Straßen ziehen zu sehen.
Mit etwas Schwerem über der Schulter.
Und einem Lächeln, das verschwindet, sobald man direkt hinsieht.
